Wenn Schwimmer über den Beckenrand hinausschauen…

Wenn Schwimmer über den Beckenrand hinausschauen…

18. Juni 2019 Wettkämpfe 0

Wenn Schwimmer über den Beckenrand hinausschauen 
Ein Bericht über den Berlin Triathlon 2019

Als mich vor ein paar Monaten eine Freundin gefragt hat, ob ich am zweiten Juni die Schwimmstrecke beim Berlin Triathlon übernehmen würde, weil ihr Schwimmer ausgefallen ist, habe ich nur nach der Streckenlänge gefragt. Es waren 1500 m und somit keine große Hürde für mich. Da die Wassertemperaturen im letzten Sommer weit über 20 Grad lagen, habe ich mit einem Lächeln zugesagt.

Im März hatte mich die besagte Freundin dann gefragt, ob ich noch einen Läufer kennen würde, der an den Start gehen kann. Als erstes fiel mir meine Tochter Jana ein. Die zögerte zwar ein wenig, aber ich konnte sie schnell überzeugen.

Wir alle kennen die Wetterbedingungen im April. Es war bitterkalt. Es wurde Mai und nur unwesentlich wärmer. Ich musste mir also Gedanken um einen Neoprenanzug machen. Denn sollte die Wassertemperatur am Wettkampftag unter 18 Grad liegen, wäre das Tragen eines Anzuges Pflicht. Trotz zahlreicher Freiwasserwettkämpfe befand sich solch ein Utensil noch nicht in meinem Besitz. Bisher reichte mein angefuttertes Biophren um keinen Kälteschock beim Betreten des Wassers zu bekommen.
Ende Mai wurde ich zunehmend nervöser in Bezug auf die partout nicht steigen wollenden Wassertemperaturen. Also flitzte ich kurzerhand in einen Sportladen und besorgte mir das preiswerteste Teil. Nun musste das gute Stück nur noch getestet werden. Der erste Probelauf fand in der Halle statt. Für meine Verhältnisse viel zu viel Neopren an ungewohnten Stellen, aber es lief erstaunlich gut. Am Hals zu eng, an den Armen zu weit.
Der zweite Test fand schließlich eine Woche vor dem eigentlichen Triathlon im Plötzensee statt. Bei 14 Grad Wassertemperatur konnte ich den Anzug mehr als gut gebrauchen. Das Schwimmen verlief problemlos, bis auf den Schwan, der sich in irgendeiner Form angegriffen fühlte und mich mit strengem Blick und aufgestellten Flügeln aus seinem Revier vertrieb. Meine Angst legte sich, meine Arme und Beine waren mehr oder weniger in Bewegung und die Kälte war kaum zu spüren. Das Gesicht…. naja, nachdem es von der Kälte taub war, war auch dort nichts mehr zu spüren.

Einen Tag vor dem großen Wettkampf kam dann ein weiterer Anruf meiner Freundin Xandra. Ihr fehlte nun auch noch ein Radfahrer. Mein Puls stieg kurzzeitig in die Höhe.

Doch glücklicherweise ist Björn, der Freund meiner Tochter, eingesprungen. Nachdem er im letzten Jahr seinen ersten Iron Man absolviert hat, sollten die 40km Rennradfahrt kein Problem für ihn sein. Richtig Lust hatte er auf neun! Runden im Kreis fahren zwar nicht, aber er wollte uns auch nicht hängen lassen und hat sogar einen 10km Lauf in Potsdam für uns abgesagt. Die Familienstaffel war komplett.

Am Sonntag den zweiten Juni fuhren wir also nach Treptow. Meine Tochter versuchte meine Nervosität zu besänftigen, indem sie mir gut zuredete: ‚,wenn du was kannst, dann ist es Schwimmen.“ Diesen Spruch bekam ich später auf den 1500 m im Wasser nicht mehr aus dem Kopf.

Als Treffpunkt hatten wir uns um 9:45 Uhr den Start- und Zielbereich auserkoren. So langsam trudelten die anderen Staffelteilnehmer ein. Xandra hatte mit ihrer Familie am Vortag bereits die Startunterlagen organisiert. Die Räder mussten in die Wechselzone gebracht werden und wir Schwimmerinnen zogen uns langsam um. Wir würden mit der zweiten Startwelle um 12:15 Uhr ins Wasser springen. Natürlich ohne Neo, da der Veranstalter versicherte, es wären genau 20 Grad. Man durfte sich also aussuchen, ob man mit oder lieber ohne Neopren starten möchte. Meine Mannschaft motivierte mich mit einem ‚streng dich an, wir können eine Platzierung erreichen!‘.
Als ob ich unnötig lang in der Plörre bleiben wollte….

Also ab ins Wasser! Nach dem ersten Gedrängel, Getrete und Geschubse wurde es nach ca. 400 m ruhiger und man eckte nur noch selten mit anderen Schwimmern zusammen. Wir mussten zweimal im Uhrzeigersinn um die “Insel der Jugend” schwimmen. Ich hatte auf die andere Richtung gehofft und dass man dadurch etwas jünger wird….. na egal. Die erste Runde lief gut, also auf in die zweite. Insel kurzerhand rechts liegen lassen, nicht zu viel Wasser schlucken, sich nicht über die Wellen der Motorboote ärgern und schon ging es Richtung Ziel. Kurz vorher noch einmal kräftig die Beine bewegen, das regt den Kreislauf an und man würde beim Verlassen des Wassers nicht ins Straucheln kommen. Klappte alles super. Zwei Helfer zogen mich die steile Treppe hoch und ich konnte mich schnell auf die ca. 500 m lange Strecke zur Wechselzone machen. Auf dem Weg dahin musste noch der Transponder an die Zeitmessung gehalten werden.
Man kam halb blind aus dem Wasser, stolperte über seine verkrampften Waden tapfer vorwärts und wusste in dem Moment gar nicht, was die schreienden Leute von einem wollten. Nur die Zeit nehmen! Und weiter ging es im gefühlten Schweinsgalopp zu Björn. Transponder übergeben und schon durfte der Junge in die Pedale treten.

Nun hieß es neun Runden anfeuern, wenn man ihn denn sah. Wie sich später herausstellte, fuhr er mit durchschnittlich 43 km/h. Windschattenfahren war erlaubt. Björn aus dem Pulk herauszusuchen war eine wahre Meisterleistung. Meistens schrien wir ihm nur nach. Leider vergaßen wir die Runden zu zählen, aber zumindest hatten wir irgendwann raus, wie lange er ungefähr für eine Runde brauchte. Wenn wir nicht unseren Mann anfeuerten, drehten wir uns um und feuerten die Läufer der Einzeldisziplin an. Dort hatten wir nämlich unseren Wettkampfschwimmer Niklas entdeckt. Soweit ich es beurteilen konnte, hat er sich über das positive Anschreien gefreut.

Nachdem die erste Mannschaft zwei Runden vor allen anderen vom Rad auf die Läufer wechselte, wurde es auch für Jana Zeit, sich langsam warm zu machen. Da die Temperaturen inzwischen auf Mittagshitze geklettert waren, schwitzten wir zwar, aber die Muskeln mussten dennoch in Wettkampflaune gebracht werden. Björn fuhr mit sagenhaftem Vorsprung in die Wechselzone und übergab den Transponder nun an Jana. Diese machte sich fix auf die erste der zwei 5km Runden. Natürlich fieberten wir auch mit ihr mit. Sie hatten von der Hitze das meiste abbekommen und tat uns richtig leid. Nach der ersten Runde begleitete sie Björn ein paar Meter zum Aufbauen. Anschließend machten wir uns auf in Richtung Ziel um gemeinsam als Mannschaft einzulaufen. Es waren so viele Leute auf der Strecke unterwegs, dass es uns schwerfiel, den Überblick zu behalten, wer war Einzelstarter, wer auf seiner ersten Runde und wer bereit für die Abzweigung Richtung Ziellinie. Es gab den Volkstriathlon (440 m Schwimmen, 12 km Rad und 2,9 km Lauf), die Sprintdistanz (750 m Schwimmen, 21 km Rad und 4,7 km Lauf) und die olympische Distanz (1.5 km Schwimmen, 38 km Rad und 10,2 km Lauf). Es starteten Männer, Frauen und Staffeln. Somit kann man sich die Massen, die dort an den Start ging vielleicht ein bisschen besser vorstellen.

Unsere Läuferin kam um die letzte Kurve und wir machten uns fertig, mit ihr das Ziel gemeinsam zu durchqueren. Nur hatte ich nicht mit den beiden jungchen Hüpfern gerechnet, die mir auf den letzten 20 m so davonrannten, dass ich nur noch hinterherlaufen konnte. Mit einem 11. Platz in den Staffeln haben wir nicht nur einen sehr guten Platz erreicht, sondern waren mehr als stolz auf unsere gemeinsame Leistung bei unserem ersten Triathlon.

Warum ich diesen Bericht geschrieben habe, wo wir doch eine Schwimm- und keine reine Triathlonabteilung sind? Weil immer mehr Triathleten zu uns finden um sich bei uns die letzte Kondition für ihre Wettkämpfe holen, ihre Technik verbessern wollen oder an ihrer Schnelligkeit arbeiten möchten. Wir sind inzwischen so ein bunter Verein und Neuem gegenüber immer aufgeschlossen. Einige dieser Neuzugänge unterstützen uns regelmäßig bei unseren Schwimmwettkämpfen. Auch dadurch wächst ein Verein (zusammen). Auch ein Schwimmer sollte ab und an mal über den Beckenrand schauen.

Eure Angi